Der Boulevard-Experte und seine Abrissbirne:
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| Der Stammtisch-Demagoge |
Die gefährliche Demagogie der „Krone“
Es gibt eine besondere Form der medialen Überheblichkeit, die meistens dann auftaucht, wenn komplexe Völkerrechtsfragen auf das Format einer Boulevard-Spalte zusammengestaucht werden. Christian Hauenstein liefert in seinem „Krone“-Kommentar mit dem Titel „Aus 600.000 mach 6 Millionen“ ein Paradebeispiel dafür, wie man mit maximaler Arroganz, historischer Amnesie und einem zutiefst zynischen Menschenbild Stimmung macht. Er wird den Lesern als „Außenpolitik-Experte“ verkauft – doch was er liefert, ist kein Journalismus. Es ist das Paradebeispiel eines intellektuell faulen Populisten, der seinen Stift als Stein benutzt, um nach den Ärmsten zu schlagen.
Demontieren wir diesen Unsinn Schritt für Schritt.
1. Die historische Amnesie des „Experten“
Hauenstein beginnt mit einer dreisten Geschichtsumschreibung im Vorbeigehen. Die UNRWA sei 1949 gegründet worden, um jene Palästinenser zu schützen, die aufgrund der „ausschließlich von arabischen Nachbarstaaten begonnenen Kriege“ zu Flüchtlingen wurden.
Mit diesem einen Wort – ausschließlich – tilgt der „Experte“ die gesamte historische Realität der Nakba aus dem Gedächtnis. Er unterschlägt bewusst, dass die Vertreibung, die Massaker und die Flucht von Hunderttausenden Palästinensern durch zionistische Milizen bereits Monate vor dem Eingreifen der arabischen Staaten im Mai 1948 in vollem Gange waren. Geschichte so zu biegen, dass sie in ein simples Gut-Gegen-Böse-Narrativ passt, ist kein Journalismus. Es ist Propaganda.
2. Das zynische Framing: Sozialneid bei der Schnapsrunde
Besonders perfide wird es, wenn Hauenstein die Gegenwart analysiert. Er beklagt, dass die UNRWA heute mehr als sechs Millionen Menschen betreut, und zieht das Fazit: „Die Palästinenser werden damit zum höchstsubventionierten Volk der Welt.“
Das ist kein außenpolitischer Diskurs, das ist das Schüren von billigem Sozialneid bei einer Schnapsrunde am Stammtisch. Nach dem dritten Kurzen klopft man auf den Tresen und schimpft über „die da unten“, die sich angeblich auf unsere Kosten die Taschen vollmachen. Man muss sich dieses Wording auf der Zunge zergehen lassen: „Subventioniert“ wird die Agrarindustrie, die Automobilbranche oder das Dieselprivileg. Was die UNRWA tatsächlich finanziert, sind Schulen, Basisgesundheitsversorgung, Impfstoffe und das nackte Überleben in Form von Mehl- und Ölrationen in staubigen Flüchtlingslagern. Lebensnotwendige humanitäre Nothilfe für ein vertriebenes, staatenloses Volk als „Subvention“ zu framen, ist ein zynischer Versuch, den blanken Futterneid des Stammtischs zu triggern. Es entmenschlicht die Empfänger dieser Hilfe vorab als Profiteure, um ihre spätere Preisgabe moralisch zu rechtfertigen.
3. Institutionelle Zerstörungswut mit genozidalem Beigeschmack
Hauenstein regt sich über das Finanzierungsloch der Organisation auf und fordert kurz und schmerzlos: „Die Organisation gehört endlich abgeschafft!“ Er applaudiert lautstark dem Verbot der UNRWA in Israel.
Hier verlässt der Kommentar den Boden der bloßen Inkompetenz und begibt sich auf das Terrain einer brandgefährlichen, genozidalen Rhetorik. Wer in einer ohnehin katastrophalen Lage fordert, das logistische und humanitäre Rückgrat für Nahrung, Wasser und medizinische Hilfe für Millionen Menschen ersatzlos zu zerschlagen, nimmt den massenhaften Tod durch Hunger und Krankheit nicht nur billigend in Kauf – er fordert ihn implizit.
Und für wen fliegt dieser journalistische Stein? Hauenstein macht sich hier zum willfährigen PR-Agenten einer extremen, messianischen Rechten in Israel, die das Thema der Flüchtlinge und deren Rückkehrrecht nicht durch Verhandlungen, sondern durch die physische Auslöschung ihrer Lebensgrundlagen vom Tisch bekommen will.
Die monumentale Doppelmoral des 2.000-Jahre-Paradoxons
Den absoluten intellektuellen Offenbarungseid leistet Hauenstein jedoch bei seiner Kritik an der Vererbung des Flüchtlingsstatus. Er fragt höhnisch: „Wie es das gibt?“, dass die UNRWA Nachkommen bis „in alle Zukunft“ als Vertriebene anerkennt. Dass dies der weltweite Standard der UN für alle langandauernden Konflikte ist, weiß der „Außenpolitik-Experte“ entweder nicht, oder er verschweigt es bewusst.
Doch der wahre Paukenschlag liegt in der dahinterstehenden Heuchelei:
Derselbe Boulevard-Schreiber, der sich echauffiert, dass Palästinenser nun seit drei Generationen auf ihrem Flüchtlingsstatus und ihrem Recht auf Rückkehr beharren, hat ideologisch überhaupt kein Problem mit der zionistischen Staatsdoktrin. Diese leitet ein exklusives, politisches „Recht auf Rückkehr“ und Landanspruch aus einer angeblichen „Vertreibung“ ab, die zweitausend Jahre zurückliegt!
Eine Behauptung, die auf religiösen Mythen und biblischen Metaphern gründet und jeder modernen völkerrechtlichen Grundlage entbehrt, wird von westlichen Kommentatoren wie Hauenstein anstandslos geschluckt.
Gleichzeitig wird den Palästinensern ihr Recht abgesprochen – ein Recht, für das sie die Grundbücher, die Schlüssel und die lebendige Erinnerung an ihre gestohlenen Häuser von 1948 noch physisch in den Händen halten.
Für den „Krone“-Schreiber verjährt das verbriefte Eigentumsrecht von Palästinensern nach ein paar Jahrzehnten. Das metaphysische Recht auf Kolonisierung desselben Bodens durch eine andere Gruppe soll jedoch nach zwei Jahrtausenden noch gültig sein.
Das ist keine Außenpolitik, Herr Hauenstein. Das ist rassistisch motivierte Messdiener-Logik im Gewand eines Experten. Und dieser Unsinn ist hiermit entlarvt.
ein zutiefst enttäuschter Austro-Palästinenser

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